Edith-Stein-Tag 2013

„Stachel im Fleisch der Kirche“

Edith-Stein-Schule gedenkt ihrer Namensgeberin gemeinsam mit JĂĽdischer Gemeinde

Von Rebecca Keller

 

DARMSTADT. Ein bemerkenswerter Brief Edith Steins, den die zum Katholizismus konvertierte JĂĽdin im April 1933 an Papst Pius XI. geschrieben hatte, stand im Mittelpunkt des Edith-Stein-Tags von SchĂĽlern, Lehrern und Eltern vor den Herbstferien. Daniel Neumann von der JĂĽdischen Gemeinde hielt eine bewegende Rede.

Jedes Jahr kurz vor den Herbstferien begeht die Edith-Stein-Schule (ESS) ihren Edith-Stein-Tag. In zeitlicher Nähe zu deren Geburtstag am 12. Oktober (1891-1942) beschäftigen sich Schüler, Lehrer und Eltern mit Leben und Werk der Namensgeberin des Gymnasiums, die in Auschwitz umgebracht wurde. In diesem Jahr stand ein Brief im Mittelpunkt, den die zum Katholizismus konvertierte Jüdin vor 80 Jahren an Papst Pius XI. schrieb. Darin prangert Edith Stein, damals Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, schon früh den „Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut“ an und fordert ihre Kirche auf, die Stimme gegen das Unrecht, auch an Katholiken, zu erheben. Ihr verzweifelter Ruf sollte unbeantwortet bleiben.


Edith Steins Brief, den sie im April 1933 geschrieben hatte, wurde erst 2003 aus dem Vatikanischen Geheimarchiv veröffentlicht. Zehn Jahre später nahm die Edith-Stein-Schule diesen nun zum Anlass, den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde in Darmstadt wieder aufzunehmen. Deren Geschäftsführer Daniel Neumann hielt vor rund 150 Gästen in der Edith-Stein-Schule eine bewegende Rede zur Bedeutung dieses couragierten Briefs, „ein Stachel im Fleisch der Kirche“. Auch wenn ihr Schreiben „keine angemessene Reaktion“ nach sich zog, sei ihr Einsatz nicht umsonst gewesen, so Neumann. Am Beispiel von Noah und Abraham legte Neumann den Wert einer „rechtschaffenen Gesinnung“ einerseits und der „aktiven Beeinflussung der Geschehnisse“ andererseits dar. Letztlich sei Abraham der erfolgreichere gewesen, weil er „Gott herausforderte und für die Menschen stritt“. Dagegen blieb die Rechtschaffenheit Noahs am Ende wirkungslos. So werde der Wert des Briefes Edith Steins auch erst in der Retrospektive vollständig entfaltet, so Neumann. Das Vermächtnis liege in dem Wert für das jüdisch-christliche Verhältnis, das sich „als zarte Pflanze aus den Ruinen erhob und unter behutsamer Pflege überlebte“. Dass dies gedeihen konnte, sei dem Blick auf Verbindendes bei allen Unterschieden zu verdanken: „Wir haben einen gemeinsamen Ursprung und einen gemeinsamen Gott.“ Dafür, dass der Edith-Stein-Tag gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde stattfand, setzte sich auch die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein, deren Mitglied die Edith-Stein-Schule jetzt ist.


Schon vor dem Edith-Stein-Tag, den alle Schüler am letzten Schultag vor den Herbstferien mit Gottesdiensten feierten, haben sich Religions- und Geschichtskurse mit dem Brief Edith Steins befasst. Ihre Gedanken dazu trugen sie am Vorabend vor Lehrern und Eltern vor: „Der Brief kann uns heute Mahnung zu Zivilcourage sein.“


Besuche der Jüdischen Gemeinde und des Jüdischen Friedhofs gehören zum Konzept der Edith-Stein-Schule, die sich in besonderer Weise für Versöhnung und Verständigung einsetzt. Im vorigen Jahr reiste erstmals eine Schülergruppe nach Israel. Mit der Leo-Baeck-Schule in Haifa will die ESS eine Schulpartnerschaft aufbauen. Am 5. November wird eine mobile Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin in der Schule zu Gast sein.

Edith-Stein-Tag 2013 klein
von links nach rechts:

Pfr. Dr. Lothar Triebel (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit), Pfr. Dr. Thomas Kluck (Schulseelsorge), Daniel Neumann (Jüdische Gemeinde Darmstadt), Dr. Manfred Göbel (Schulleiter), Pfr. Johannes Kleene (Schulseelsorge), Godehard Lehwark (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit)

 

 

 

 

Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung für das Bistum Mainz "Glaube und Leben" veröffentlicht.