ESS-Gruppe besucht Israel

Israelreise 2014

Das erste, was wir von Israel aus dem Flugzeug sehen, ist die Skyline Tel Avivs, die entlang des d├╝nnen K├╝stenstreifens in den Himmel w├Ąchst. Ganz gew├Âhnlich wirken diese grauen Hochh├Ąuser zun├Ąchst. Erst als wir kurze Zeit sp├Ąter im Bus sitzen und die ersten Palmen an uns vorbei ziehen, die Hitze sich langsam staut, obwohl es drau├čen schon dunkel wird, erst als vor den Fenstern auf einmal eine riesige wei├če Kugel auftaucht, die tats├Ąchlich der Vollmond ist, erst da beginnen wir langsam zu realisieren, dass wir an einem ganz anderen Ort gelandet sind.

 

1-Gidi-klein

Das Pilgerhaus in Tabgha, in dem wir m├╝de ankommen, ist ein Paradies f├╝r sich. Orangenb├Ąume vor dem Fenster, exotisch bunte V├Âgel, der Sonnenaufgang ├╝ber dem See Genezareth, f├╝r den wir uns sogar fr├╝her aus dem Bett qu├Ąlen, Fr├╝hst├╝cksbuffet, Grapefruchtssaft, nicht zuletzt freies W-lan, das Sch├╝ler und Lehrer begl├╝ckt.

Am n├Ąchsten Morgen, der fr├╝h beginnt, prasselt Haifa mit Eindr├╝cken auf uns ein ÔÇô unser israelischer Reisef├╝hrer Gidi scheint alles zu wissen, was es ├╝ber dieses Land zu wissen gibt, ├╝ber die Botanik, bis hin zur Geschichte, zur Wirtschaft, zur politischen Tageslage und ist zudem gewillt uns so viel wie m├Âglich ├╝ber seine geliebte Heimat beizubringen. Gleichzeitig verlangt die Altstadt Haifas mit ihren alten Geb├Ąuden und G├Ąrten vor den Busfenstern nach unsere Aufmerksamkeit.

 

2-Haifa-kleinWir halten vor der Leo Baeck High School, die neben j├╝dischen Kindern auch ein paar muslimische aufnimmt. Die Jugendlichen, denen wir dort begegnen, sind ├╝berraschend offen und interessiert, viele waren schon in Deutschland, der Einstieg ins Gespr├Ąch ist einfacher als bef├╝rchtet, die Unterschiede kleiner. Viele h├Âren ├Ąhnliche Musik, haben ├Ąhnliche Austausche gemacht, haben ├Ąhnliche Hoffnungen f├╝r ihr sp├Ąteres Leben. Unterschiede fallen nur auf, wenn die Israelis ├╝ber den Milit├Ąrdienst reden, den auch die M├Ądchen absolvieren m├╝ssen, oder wenn die Deutschen sich nur vorsichtig auf das Thema Holocaust einlassen. Wir h├Ątten gerne noch mehr erfahren, aber unser Zeitplan ist eng, wir fahren weiter nach Nazareth, um die St Joseph Kirche zu besichtigen, unter der H├Âhlen liegen, die Jesu Vater als Werkstatt gedient haben sollen. Zum ersten Mal werden wir mit dem Problem konfrontiert, wie weit man Glauben beweisen kann, muss oder will.

 

4-Gottesdienst kleinAls wir am darauf folgenden Tag einen Gottesdienst direkt am Ufer des See Genezareths halten, zwischen Palmen und Zitronenb├Ąumen, Klippdachse zwischen den Felsen hin und her huschen, und beim Segen tausende V├Âgel als flatternde, schwarze Punkte und Linien ├╝ber dem t├╝rkisgrauen Wasser aufbrechen, f├╝hlen wir uns Jesus viel n├Ąher, als zwischen den heruntergekommenen Geb├Ąuden, blinkenden Neonlichter und bunten Gl├╝hlampen Nazareths. Wir verbringen einen ganzen Tag um und auf dem See, der uns, vorher nur als Badestelle vor dem Pilgerhaus, jetzt auch als ein Mittelpunkt in Jesu Reisen erscheint.

 

Abends berichtet Gidi, selbst s├Ąkularer Jude, ├╝ber das Judentum, dessen Rituale und Glauben, wichtig um die Kultur und das Selbstverst├Ąndnis dieses jungen Landes ein wenig besser zu verstehen. Am n├Ąchsten Morgen k├Ânnen wir Safed dann auch zwei Synagogen besichtigen, danach bleibt uns ein wenig Zeit, uns in der K├╝nstlerstadt umzuschauen und frisch gepresste S├Ąfte am Stra├čenrand zu kaufen. Dann fahren wir weiter zu den Jordanquellen und machen eine Wanderung auf den Golanh├Âhen entlang des Flusses. Spektakul├Ąr unspektakul├Ąr ist es, als Gidi auf einen nah gelegenen H├╝gel zeigt und uns mitteilt: ÔÇ×Das geh├Ârt zum Libanon.ÔÇť Die so hart umk├Ąmpften Grenzen sind von weitem unscheinbar, auch als wir sp├Ąter auf den UNO St├╝tzpunkt und auf Syrien herunter blicken, die Fahne Assads ein winziger roter Punkt auf der anderen Seite.

 

Auch als wir am n├Ąchsten Tag auf unserem Weg nach Jerusalem die Taufstelle Jesu besuchen, sind die Soldaten auf beiden Seiten der Grenze, ein kurzes Seil mitten im Jordan, nur durch den wenige Meter breiten Fluss getrennt.

Unsicher f├╝hlen wir uns auf der ganzen Reise nicht, die gegenw├Ąrtige Bedrohung, egal wie h├Ąufig wir von ihr h├Âren, begegnet uns kaum direkt, greifbar wird sie h├Âchstens in den Waffen der Soldaten, die uns sp├Ąter in Jerusalem begegnen, und in den Kontrollen an vielen ├Âffentlichen Pl├Ątzen. Doch bevor wir ├╝berhaupt Soldaten, oder ├╝berhaupt Menschen in Jerusalem sehen, steigen wir aus dem Bus und ├╝berblicken eine Stadt, die drei Weltreligionen und einer so facettenreichen Kultur eine Heimat bietet. Jerusalems Anblick l├Ąsst uns allen den Atem stocken, denn was wir von einem wenige Kilometer entfernten, h├Âher liegenden Platz sehen k├Ânnen, ist kaum in Worte zu beschreiben. Schon ├╝berw├Ąltigt machen wir die ersten Schritte durch das Damaskustor in die Altstadt und stehen mitten im Jerusalemer Basar. Die Reiz├╝berflutung, mit der wir hier konfrontiert werden, l├Ąsst uns staunen und vermittelt uns einen vollkommen anderen Blick auf Israel, als wir ihn bis jetzt erfahren hatten. Unser Domizil, das ├ľsterreichische Hospiz, liegt mitten in der Altstadt auf dem Kreuzweg Jesu und schnell wird uns klar, dass wir hier mitten im Geschehen sind, nicht nur weil wir jeden Morgen von den Rufen des Muezzins geweckt werden.

 

5-Bethlehem kleinDer n├Ąchste Tag beginnt f├╝r uns ungewohnt: Wir m├╝ssen unseren lieb gewonnenen Reisef├╝hrer Gidi zur├╝cklassen, als wir nach Bethlehem fahren, pal├Ąstinensisches Autonomiegebiet. Die Mauer, die die beiden Teile des Landes voneinander trennt, ist erschreckend hoch und endg├╝ltig. Doch unsere Stimmung ist schnell wieder aufgelockert, als wir die La Salle Highschool betreten und nach einem Videochat mit unserer eigenen Schule in Darmstadt von Sch├╝lern in der Schule herumgef├╝hrt werden. Unverkennbar ist, dass die Sch├╝ler stolz auf ihre Schule sind ÔÇô genauso wie auf ihre Herkunft, aber auch hier machen wir die gleiche Erfahrung, die wir schon in der Leo Baeck Highschool in Haifa gemacht hatten, denn auch sie haben den Wunsch, dass es endlich eine Einigung gibt und damit auch Frieden.

Frau Mukarker verdeutlicht uns sp├Ąter beim Mittagessen ihre Sicht der Dinge und erz├Ąhlt uns eine Geschichte, die uns alle sehr ber├╝hrt. Sie berichtet davon, dass ein fr├╝herer israelischer Freund ihres Sohnes, bei dem sie sich daf├╝r eingesetzt hatte, dass er einen Tag lang bei ihr im pal├Ąstinensischen Gebiet verbringen darf, ihr in der Zeit der israelischen Besatzung wieder begegnet war ÔÇô n├Ąmlich in einem Panzer, der sie einen ganzen Tag verfolgt hatte. Sie erz├Ąhlt, dass sie schreckliche Angst gehabt hatte, aber als die Luke des Panzers aufging und sie den alten Freund ihres Sohnes sah, war das f├╝r sie ein Segen: Der Frieden im Panzer.

 

Zur├╝ck in Jerusalem wird uns erneut die Breite bewusst, in der diese Stadt religi├Âs aufgestellt ist. Wir haben gerade die Grabeskirche Jesu besucht, unbestreitbar eine St├Ątte der Christen, und laufen nun die wenigen Gehminuten zur Klagemauer, das wichtigste Heiligtum der Juden, hinter der sich unmittelbar der Felsendom der Muslime befindet. Uns dr├Ąngt sich die Frage auf, warum die Religionen hier nicht im Miteinander leben k├Ânnen, warum man es sich so schwer machen muss und warum Glauben nicht im Einklang mit Frieden hier herrschen kann. Gleichzeitig ist uns aber auch bewusst, warum diese Stadt so wichtig f├╝r die einzelnen Religionen ist.

Diese schwierigen Gedanken nehmen wir auch mit in den n├Ąchsten Tag, der uns vor eine weitere Herausforderung stellen soll. Unter Holocaustdenkmalen k├Ânnen wir uns bis heute nur anprangernde Museen vorstellen, die wir alle schon irgendwie kennen. Aber Yad Vashem ist anders. In einer Halle dort stehen vier Kerzen in der Dunkelheit, die durch viele Spiegel so oft reflektiert werden, dass es wirkt, als w├Ąren es tausende, die sich in alle Richtungen ausdehnen. Es ist das Denkmal, das an die verstorbenen Kinder im Dritten Reich erinnern soll, was es sehr eindrucksvoll auch tut, denn die Namen der Kinder werden zusammen mit ihrem Alter und ihrer Herkunft langsam alle vorgelesen. Etwas so sch├Ânes und zugleich auch bedr├╝ckendes ist wohl sehr selten.

 

Der Basarbesuch danach lockert unsere Stimmung wieder auf, das Handeln und die verschachtelte Altstadt voller kleiner L├Ąden. Ein ganz eigener Duft nach Weihrauch liegt ├╝berall in der Luft und wir genie├čen die Zeit, in der wir auf unsere ganz eigene Weise die Stadt erkunden k├Ânnen.

6-Jerusalem kleinDer letzte Tag bricht f├╝r uns mit Kofferpacken an und alle sind ein wenig wehm├╝tig, viel zu schnell ist doch die eine Woche hier vergangen. Vom ├ľlberg genie├čen wir einen letzten Blick ├╝ber Jerusalem und mit dem Garten Gethsemane verabschieden wir uns endg├╝ltig von dieser wundersch├Ânen, vielseitigen Stadt. In nur einer Woche haben wir ein ganzes Land kennen gelernt, haben es einmal durchquert, haben uns von 400 Metern unter dem Meeresspiegel bis zu 800 Metern ├╝ber dem Meeresspiegel bewegt und sowohl die Ruhe am See, als auch das gesch├Ąftige und schnelle Stadtleben in Jerusalem erlebt und doch kommt es uns vor, als w├Ąren wir nur einen Augenaufschlag lang hier gewesen. Denn was dieses Land zu bieten hat, kann man nicht in eine einzige Woche packen und schon gar nicht in Worte fassen. Ein Land, dem wir eine bessere Zukunft und umso mehr Hoffnung auf Frieden w├╝nschen, denn wer im Wunderland nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist. Mit diesen Gedanken steigen wir in Tel Aviv ins Flugzeug zur├╝ck nach Deutschland, bereichert durch die Erkenntnis, dass wir diese Reise nicht nur im Ged├Ąchtnis, sondern auch im Herzen behalten werden.

(Jana Be├čler und Merle Dietl)