Klasse 9d putzt "Stolpersteine"

Im Rahmen unseres Geschichtsunterrichts, Thema: „Terror, Verfolgung und Shoa“, nahmen wir mit unserer Lehrerin Frau Preusch-Ahrens an der Aktion „Putzen der Stolpersteine“ teil.

So besuchte uns dann am 15. Mai Frau Rützel, eine ehemalige Geschichtslehrerin unserer Schule, um uns etwas über die Geschichte der Darmstädter Juden, für die „Stolpersteine“ gelegt wurden, zu erzählen.

Die „Stolpersteine“ generell sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Sie gibt es in Deutschland seit dem Jahr 2000 und mittlerweile wurden in ganz Europa ungefähr 38 000 Stolpersteine gelegt. Sie erinnern an die Opfer von Verfolgungen, Vertreibungen oder Vernichtungen der Nationalsozialisten und werden an dem letzten Wohnort oder in der Nähe der letzten Arbeitsstätte der Opfer verlegt. „Stolpersteine“ geben deren Namen, ihre Lebensdaten, und das Jahr der Verhaftung, Deportation und/oder der Ermordung an. In Darmstadt gibt es seit 2005 „Stolpersteine“ und insgesamt wurden bis jetzt über 300 verlegt.

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Frau Rützel gab uns ihr Wissen über die Zeit der Nationalsozialisten in Darmstadt weiter. Darmstadt war in dieser Zeit sehr von dem Nationalsozialismus geprägt. Manche Maßnahmen der Regierung wurden sogar schon vor der „offiziellen Ausführung“ durchgeführt, zum Beispiel wurden in Darmstadt jüdische Schüler und Lehrer bereits 1936 aus öffentlichen Schulen entlassen, im übrigen Deutschland erst 1938.

Frau Rützel hat uns Fotos von Kindern und Jugendlichen gezeigt, von denen man den Namen und auch etwas aus ihrem Leben weiß. Die meisten Personen auf den Fotos sind heute tot. Einige wenige aber leben noch, da es ihnen z.B. gelang, auszuwandern. In den letzten Jahren wird Darmstadt häufig von Verwandten und Freunden besucht, die an der Würdigung ihrer Angehörigen bei der Verlegeung der „Stolpersteine“ teilnehmen wollen.

 

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SchĂĽlerInnen der jĂĽdischen Schule Darmstadt 1938

Viele Juden in und um Darmstadt starben durch insgesamt drei große Sammeldeportationen. Bei der ersten wurden insgesamt ungefähr 1 000 Juden zwischen sechs Monaten und 61 Jahren aus ganz Hessen in der Justus-Liebig-Schule, die damals „Liebighochschule“ hieß, gesammelt und von dort aus zum Güterbahnhof gebracht. Es sollte zu einem „Arbeitseinsatz im Osten“ gehen und man nahm, um es glaubwürdig zu machen, auch einen Waggon mit Nähmaschinen mit. Auf der Fahrt gab es schon viele Tote aus Erschöpfung und die Überlebenden kamen in ein Ghetto. Bei den anderen beiden Deportationen wurde nochmals eine große Anzahl von Juden deportiert. Danach gab es kaum noch Juden in Darmstadt.

Am Ende der Stunde gab uns Frau Rützel dann die Biografie der Leute, deren Stolpersteine wir eine Woche später putzen würden.

Eine Woche nachdem wir alle Informationen zum Thema „Stolpersteine“ in Darmstadt erhalten hatten, durften wir nun auch selbst in Aktion treten. In Zweier- und Dreier-Gruppen machten wir uns mithilfe eines Stadtplans auf den Weg, um die „Stolpersteine“ in Bessungen zu säubern. Es war spannend zu sehen, dass auch an Orten, an denen wir täglich vorbeikommen, „Stolpersteine“ verlegt sind. Sie waren uns vorher nur nie aufgefallen. Da wir auch die Biographien der Personen, deren „Stolpersteine“ wir putzten, gelesen hatten, gab es uns noch einmal ein ganz anderes Gefühl zu sehen, wo diese gelebt hatten.

Eine dieser Biografien möchten wir kurz erzählen:

Settchen Höchster (geb. Wartensleben) wurde am 23. Juni 1887 in Ober-Ramstadt geboren. Sie war das jüngste Kind und die einzige Tochter. Als sie mit 23 Jahren den Kaufmann Herrmann Höchster heiratete, betrieb dieser eine Drogerie mit Lebensmittelhandel in der Ludwigshöhstraße 1, die gut lief. Nach dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 ging das Einkommen des Ehepaares jedoch um ca. 50% zurück. Irgendwann mussten sie das Geschäft aufgeben, es wurde zusammen mit dem Hausgrundstück aufgekauft. Herrmann Höchster starb ein halbes Jahr danach, und als sowohl Settchens Bruder als auch ihr Sohn in die USA auswanderten, war sie ganz allein. Sie wurde nun wegen ihrer jüdischen Herkunft mit dem ersten Transport aus Darmstadt ins Ghetto Piaski gebracht. Sie starb im Oktober 1944 entweder in Belzec oder Majdanek.

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Die Drogerie in der Ludwigshöhst. 1 (Foto: Privatbesitz)

Zurück zum Putzen: Es war an sich erstaunlich einfach und das Ergebnis mehr als zufriedenstellend – besonders im Vergleich zum vorherigen Zustand der Steine. Was uns auch positiv auffiel, war die Reaktion der Leute: Bei allen vier „Stolpersteinen“, die unsere Gruppe putzte, sprachen uns Passanten an und lobten unser Engagement. Das hat uns besonders gefreut, da wir nicht damit gerechnet hatten.

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Rückblickend kann man sagen, dass die „Aktion Stolpersteineputzen“ ein voller Erfolg war. Nicht nur die Steine wurden blitzblank geputzt, auch konnten wir dadurch auf diese aufmerksam machen und womöglich andere Leute dazu motivieren, dasselbe zu tun.

Zum Abschluss unserer Aktion besuchte Frau Preusch-Ahrens mit uns noch den Jüdischen Friedhof. Tatsächlich fanden wir dort auch das Grab der Familienangehörigen eines Mannes, dessen „Stolperstein“ wir geputzt hatten. Und das war ein ergreifendes Gefühl.

Lara Kreis, Franziska Schyguda; Vivienne Wallner