Gedenkfeier und Enthüllung der Gedenktafel in Theresienstadt

Update vom 11.05.2024: Jetzt mit Film

Originalartikel aus dem Februar 2024

Heute ist der Tag. Der Tag, auf den wir alle gewartet haben. Wir fahren um sechs Uhr in der Früh nach Theresienstadt, um dort unser Projekt mit der Enthüllung des Gedenksteins zum Abschluss zu bringen. Gut ein Jahr ist es her, seitdem wir das letzte Mal dort waren. Wir waren für vier Tage nach Theresienstadt gefahren, um Eindrücke zu sammeln und uns mit der Geschichte des Ghettos auseinanderzusetzen. Diese Emotionen haben wir in einer Gedenktafel, einem Denkmal, einem Film und einem Magazin festgehalten, um an die ca. 1370 Menschen zu erinnern, die zwischen 1942 und 1945 von Darmstadt aus nach Theresienstadt deportiert wurden, 224 unter ihnen aus Darmstadt. Die Gedenktafel für sie wird heute enthüllt, das Denkmal wird später in Darmstadt stehen.

Um 13 Uhr fahren wir durch die massiven Maueranlagen Theresienstadts. Das Wiedersehen ist mit gemischten Gefühlen verbunden. Wir müssen ständig an die grausame Geschichte denken, an all das, was hinter diesen Mauern passiert ist. Diese Gedanken sind immer noch schwer greifbar – nicht zu verstehen. Wir haben solche Erfahrungen nicht machen müssen, und 70 Jahre später auch keinen direkten persönlichen Bezug mehr dazu. Dennoch können wir nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt. Denn wir können das Geschehene zwar nicht verändern, aber zumindest dafür sorgen, dass es nicht vergessen wird und dazu werden wir heute mit unserer Gedenktafel einen kleinen Beitrag leisten.

Deswegen ist der Anblick der Mauern auch mit Hoffnung und Erfüllung verbunden. Es tut irgendwie gut, wieder hier zu sein, die bekannten Gebäude zu sehen und zu wissen, dass die Geschichte dieser Stadt eben nicht vergessen wird. Wir suchen im schüttenden Regen den Weg zum Kolumbarium. Der Himmel ist grau, die Gebäude wirken trostlos und marode. Wir müssen aufpassen, nicht in eine der vielen Pfützen zu treten.

Ein Jahr ist es schon her, dass wir diesen Weg gelaufen sind, ein ganzes Jahr. Damals hat es nicht geregnet. An den Schienen vorbei, auf denen einst jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Darmstadt ankamen, und mitten in den Festungsmauern liegt das Kolumbarium. Früher wurden hier die Urnen der im Ghetto umgekommenen Häftlinge aufbewahrt, heute erinnern die vielen Gedenktafeln an ihr Schicksal. Auch die Stadt Darmstadt wird sich hier verewigen. Unsere Schulleiterin Frau Krumpholz, der Darmstädter Oberbürgermeister Herr Benz, ein Vertreter der Gedenkstätte, Frau Schmidt-Hesse von der GCJZ und zwei Schülerinnen der Edith-Stein-Schule, sie alle teilen in ihren Reden ihre Gedanken mit uns und betonen, dass „nie wieder jetzt ist“.

Zwischendurch singen wir Lieder von Ilse Weber. Diese gehen uns besonders nahe, denn auch sie haben einen besonderen Bezug zu diesem Ort. Ilse Weber war als Häftling in Theresienstadt und kümmerte sich dort um die Kinder. Sie schrieb diese Lieder, um ihnen ein wenig Hoffnung und Normalität zu geben. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Wir gedenken der jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Darmstadt und Südhessen, die nach Theresienstadt deportiert und ermordet wurde. Wir erinnern an ihr Leben und ihr Leid. Sie dürfen nie vergessen werden.“ Das sind die einprägsamen Worte unserer Gedenktafel. Enthüllt sehen wir sie zum ersten Mal. Der graue Stein hat vorne eine Abbruchkante, wurde aus dem Stück gebrochen, das in Darmstadt stehen wird, genauso wie die Menschen damals ihrer Heimat entrissen wurden.

Jeder von uns legt einen Stein aus Darmstadt auf die Gedenktafel, um unserem Gedenken noch einmal Ausdruck zu verleihen. Es ist schön zu sehen, wie damit die Gedenktafel noch ein kleines bisschen persönlicher wird. Nach einiger Zeit verlassen wir das Kolumbarium, doch hinter uns lassen wir all das noch lange nicht. Hiermit ist nur der erste Schritt getan, als nächster wird nun das Denkmal in Darmstadt eingeweiht.

Sonja Rohmann, Jasmin Marek und Marieke Mattheß


Enthüllung der Tafel in Bild und Video

Die Enthüllung der Gedenktafel ist mit Bildern und einem Video dokumentiert und auf der Website der GCJZ abrufbar: www.gcjz-darmstadt.de/ein-gedenkort-entsteht-2/.


Ansprache von Frau Krumpholz im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Schülerinnen und Schüler,

ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, dass ich heute als Schulleiterin dieser jungen Menschen, als Schulleiterin der Edith-Stein-Schule in Darmstadt zu Ihnen sprechen darf.

Die Schulgemeinde der Edith-Stein-Schule ist in besonderer Weise dem Leben und Wirken ihrer Namenspatronin Edith Stein verpflichtet. Zu diesem Leben gehört unauslöschlich auch ihr Tod als Märtyrerin in den Gaskammern von Auschwitz.

Teil jeden schulischen Lehr- und Erziehungsauftrags muss sein, nicht nur historisches Wissen weiterzugeben sondern auch die Vermittlung von Verantwortung jedes Einzelnen für die Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes und unserer Gesellschaft. Wie können wir erreichen, dass auch unsere Kinder und Enkel einen so fassbaren Bezug zu den Geschehnissen im 3. Reich und den Verbrechen an Juden und anders Denkenden erlangen, dass für sie die Botschaft „Nie wieder ist jetzt!“ zu einer Verpflichtung wird?

Das eine ist die Vermittlung von Fakten, Entwicklungen und Zusammenhängen in der damaligen Zeit, eine eher rationale Erinnerung an die Verbrechen an Mitmenschen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Wenn es aber gelingt, den Jugendlichen auch einen emotionalen Zugang zu ermöglichen, wird Erinnerung wirklich wirksam.

Im Rahmen des Theresienstadt-Projekts haben sich unsere Schülerinnen und Schüler intensiv mit dem Leben und Leiden Darmstädter Mitbürger*innen auseinandergesetzt, die aus Darmstadt und Südhessen nach Theresienstadt, in das betrügerisch „Altersghetto“ genannte Sammellager deportiert wurden. Dieses Eintauchen in die damalige Situation, die Verfolgung und die Verbrechen an diesen Menschen, ermöglichte ihnen einen Zugang, der weit über ein rationales Erinnern hinausgeht. Sie waren bereit, sich den Gefühlen von Entsetzen und Trauer angesichts der vor Ort in Theresienstadt erfahrenen Fakten zu stellen. Dadurch wird reines Erinnern zur Erinnerungsarbeit, die zwar anstrengend ist, jedoch für die Zukunft stärkt.

Die Beschäftigung mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit berührt zutiefst menschliche Fragen von Schuld, Angst, Mittäterschaft und Mitläuferschaft, von Mut, Zuversicht, Hoffnung und Glaube und für jeden Einzelnen die Auseinandersetzung mit der Frage, wo man selbst gestanden hätte, dieser Frage, die heute keine Antwort zulässt. Wir sind als Gesellschaft nicht gefeit vor einer solchen Entwicklung, weil wir die besseren Menschen wären. Wer das glaubt, läuft Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt.

Aber wir können uns und unsere Kinder rüsten, indem wir demütig anerkennen, welche Schuld viele unserer Vorfahren auf sich geladen haben und welches Leid die Vorfahren anderer Mitmenschen erleiden mussten.

Ich bin als Schulleiterin aber vor allem als Darmstädter Bürgerin dankbar, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler dieser wichtigen Aufgabe gestellt haben. Sie können nun Zeugnis ablegen gegenüber anderen ihrer Altersgruppe, wo es Betroffenen zunehmend nicht mehr können, da die wenigen Überelbenden nun versterben.

Es muss gelingen, jungen Menschen für den demokratischen Widerstand gegen Extremismus zu stärken, damit der Satz „Nie wieder ist jetzt“ jederzeit seine Gültigkeit behält.

D. Krumpholz
Schulleiterin