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Liebe Eltern,

liebe Schüler*innen,

Was für ein Tag…!

Der heutige Schultag war kein gewöhnlicher. Er stand als alljährlicher Edith-Stein-Tag unter dem Titel „Edith-Stein-Schule gegen Antisemitismus und Rassismus“. Warum wir uns dafür entschieden haben, heute in besonderem Maße den Fokus auf unsere Gemeinschaft mit unseren jüdischen Mitmenschen zu legen, habe ich als Schulleiterin und Frau Schumann für die Projektgruppe im Vorfeld hinlänglich erklärt. Nun möchte ich Sie teilhaben lassen an den vielfältigen Eindrücken dieses Tages, der wirklich ein besonderer war.

Los ging es unter anderem für die 6. und 7. Klassen in der Liebfrauenkirche, für die 5. Klassen im Martinssaal mit dem Erzählgottesdienst und die Älteren feierten in der Bessunger Kirche und Pauluskirche Gottesdienst. Schon das erste Lied stimmte uns auf das ein, was im Zentrum des Tages stand: „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn.“ 

Ein dekorierter Tisch an der SchuleDies geschah für die 5. und 6. Klassen in drei verschiedenen Workshops. Im ersten lernten die Kinder etwas über den jüdischen Glauben, aber auch über Verfolgung und Verächtlichmachung dieses Glaubens, früher und heute.

Im zweiten Workshop lernten die Schüler*innen Edith Stein kennen, die für uns Vorbild und Heilige ist, und gleichzeitig mit ihren Sorgen und Ängsten, Träumen und Sehnsüchten so zutiefst menschlich, dass wir uns ihr gut nähern können. Ihr Leben und ihr Tod wurden greifbar, so dass die Kinder Fragen stellten. Nicht alle waren leicht zu beantworten: Wie erklärt man einem Kind, was eine Gaskammer ist? Unbeantwortbar bleibt die Frage, wie Menschen sich so etwas ausdenken können.

Der dritte Workshop schließlich richtete den Blick auf die Freude des jüdischen Purim-Festes. Erzählt wurde die Estergeschichte, die diesem Fest zugrunde liegt: Die alttestamentarische Geschichte handelt vom obersten Rabbiner Mordechai, der sich weigerte, vor Haman, dem höchsten Regierungsbeamten des Königs Xerxes I. niederzuknien. Als Haman den König durch eine Intrige überzeugt, alle Juden im Reich töten zu lassen, ruft Mordechai seine Ziehtochter Ester um Hilfe, die am Hof lebt, und durch deren Mut das jüdische Volk gerettet wird. Aufwändig und liebevoll waren die Räume vorbereitet, mit einer Festtafel für Speise und Trank, es wurde die Estergeschichte vorgelesen – inklusive des traditionellen Klopfens zur Übertönung des Namens Hamans. Die Kinder spielten die Geschichte nach und feierten schließlich mit traditionellem Gebäck und Apfelsaft. So wurde die Freude über die Errettung der Juden für alle erlebbar.

Klezmer-Musik und ihre Entstehung standen unter anderem für die 7. Klassen auf dem Programm. In kurzer Zeit lernten die Jugendlichen etwas über traditionell in der Klezmer-Musik verwendete Instrumente und verstanden, welche Instrumente sich besonders gut eignen, die menschliche Stimme. Mit Tröten (oder vornehm ausgedrückt: Kazoos), zwei Doppeltrommeln, mehreren Schellenkränzen und begleitet durch einen Musiklehrer wahlweise am Klavier oder auf der Klarinette, bot die Gruppe mit viel Spielfreude am Ende der Einheit bereits ein flottes Klezmer-Stück dar, dass sich hören lassen konnte.

Genauso fröhlich ging es beim Tanzen eines traditionellen Tanzes zu. Wenn auch manche*r den davor oder dahinter Tanzenden mal kurz auf die Füße trat, tat das dem Spaß keinen Abbruch. Denn natürlich musste die Richtung gewechselt werden, Schrittfolgen beachtet und dann noch der Takt gehalten werden. Zum Glück wurde es hier – anders als bei dem Klezmer-Stück - nicht auch noch immer schneller. Die Kids hatten genug mit der Koordination von Armen und Beinen passend zur Musik zu tun.

In unterhaltsamer, manchmal witziger und von Situationskomik begleiteter Weise erhielten die älteren Jugendlichen der Jahrgangsstufen 9 und 10 Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt von Dima, dem Protagonisten des Films „Masel Tov Cocktail“. Der Film war Teil einer interaktiven Beschäftigung mit antisemitischen Aussagen und Bildern, mit deren Hilfe und auf der Basis von Hintergrundmaterial sich die Jugendlichen in Expertengruppen zu den verschiedenen Formen von Antisemitismus informierten. Anwendung fand dieses Wissen in der Einordnung authentischer Zitate zu den verschiedenen Formen von Antisemitismus. Um jungen Menschen Orientierung zu geben und sie zu bestärken, eine sichere Haltung gegen Diskriminierung jeglicher Art zu finden und für diese einzustehen, erfolgte dann der so wichtige Austausch zur Frage, wie man Antisemitismus im Alltag begegnen kann, aber auch muss.

Die Oberstufenschüler*innen schließlich hatten sich im Vorfeld des Edith-Stein-Tages in unterschiedliche Projekte eingewählt, von denen einige auch in der Synagoge stattfanden. Damit auch Sie einen Einblick in die Vielfalt der angebotenen Themen erhalten, hier ein Überblick: Jüdische Religiosität und Kultur; Nahostkonflikt und kein Ende; Wo war Gott in Auschwitz? Glaube nach der Schoah; Gedenkorte in Darmstadt: Rundgang; Lingua tertii imperii: Die Sprache des Dritten Reiches; Antisemitismus – Schuld der Christen?; Edith Stein: Biographie und wissenschaftliches Wirken; Schulpartnerschaften als Weg zur Völkerverständigung; Bedeutende jüdische Naturwissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts; Schoah und ethische Verantwortung; Der Nahe Osten in Geschichte und Geschichten; Wiedergutmachung von NS-Unrecht; Joseph Süß Oppenheimer; Widerstand im Dritten Reich; Begegnung mit Gästen aus Haifa; Theresienstadt – aus Zahlen werden Namen.

Hinter jedem Thema, hinter jedem Workshop stehen engagierte Lehrkräfte, Eltern und externe Referenten, die uns mit ihrem Wissen, ihrer Zeit und ihrem Engagement unterstützt haben. Deutlicher kann man das Anliegen kaum machen. Dieses Thema geht uns alle an. Es ist unsere Verantwortung uns gegen das Zunehmen von Antisemitismus und Diskriminierung zu stellen. Und der wirksamste Weg ist Bildung und Beziehung. Nur wenn ich vom anderen, vom sogenannten „Fremden“ weiß, kann ich es schätzen und respektieren. Nur wenn ich Beziehung zulasse zu jedem Mitmenschen, werde ich bereit sein, diesen Nächsten zu schützen, wenn es sein muss.

Das gilt es, auch nach außen zu tragen: Wir sind viele, wir sind stark und wir sagen, was wir denken. Denn wieder gibt es deutliche Bestrebungen mancher Gruppierung, Angst zu verbreiten und Menschen zu hindern, gegen Antisemitismus aufzustehen. 

Deshalb gehörte zu unserer Planung von Anfang an, den Tag mit einer Menschenkette zu beschließen, die unsere Schule als Ort christlichen Glaubens mit der Synagoge als Ort jüdischen Glaubens verbindet. Das Händereichen in dieser Menschenkette ist dabei natürlich auch als Symbol zu verstehen. Kommunikation arbeitet immer auch mit Symbolen, um Botschaft zu transportieren. Das verstehen nämlich auch die, die nur schauen, sei es, weil sie des Weges kommen, sei es, weil die Menschenkette sie für kurze Zeit am Weiterfahren hindert. Um Punkt 12.30 Uhr war es so weit: Wir reichten uns über die ganze Strecke hinweg die Hände. Es war ein starkes, ein gutes Erlebnis, das mich und alle, die um mich herum waren, berührt hat.

Die gefüllten Luftballons in einem KlassenzimmerDer Weg von der Schule zur Synagoge beträgt einen knappen Kilometer. Wenn man in der Kette steht, kann man naturgemäß jeweils nur bis zur nächsten Ecke sehen. Um die Geschlossenheit aber weithin sichtbar zu machen, haben wir um 12.35 Uhr Ballons steigen lassen und so stieg die Verbindung zwischen Synagoge und Schule hoch in den Himmel, ganz in der Tradition von Edith Stein, der Brückenbauerin zwischen Judentum und Christentum, unserer Namenspatronin der Schule.

Mir bleibt am Ende eines besonderen Tages nur, Danke zu sagen.

Danke der Projektgruppe, die diesen Tag mehr als ein Jahr lang vorbereitet hat.

Danke den Eltern, die Workshops angeleitet und begleitet haben und die alle mit Kuchen und Getränken versorgt haben.

Danke den Lehrkräften und Referenten, die intensiv Themen vorbereitet und aufbereitet haben.

Danke den Lehrkräften, die hochprofessionell in kürzester Zeit Themen erfasst, antizipiert und ansprechend weitergegeben haben.

Danke den Verwaltungskräften und dem Schulleitungsteam, die im Backoffice die First- and Last-Minute-Orga bewältigt haben.

Danke Herrn Neumann, Frau Becher und Herrn Pollack aus der jüdischen Gemeinde für die Unterstützung in der Vorbereitung und bei den Workshops.

Danke an alle, die in Film, Fotos und Ton dokumentiert haben.

Und: Danke an die Stadt Darmstadt, das Ordnungsamt und die Polizei für die Unterstützung!

Foto der Menschenkette von der Schule zur Synagoge

Mit freundlichen Grüßen

Doris Krumpholz
Schulleiterin

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