Newsletter 2024 – 03

Stand Mittwoch, 29.05.2024, 17 Uhr
Themen: Demokratieerziehung: Was können Schulen tun? Was tun wir an der ESS?

Liebe Eltern,
liebe Schülerinnen und Schüler,

im Juli 2022, knapp zwei Jahre nach meinem Tätigkeitsbeginn als Schulleiterin der Edith-Stein-Schule hielt ich im Rahmen der Sommergesamtkonferenz ein Impulsreferat zu der Fragestellung, was zeitgemäße, christliche Schule ausmacht. Ich benannte vier Qualitätskriterien und legte dar, was an unserer Schule in den einzelnen Bereichen bereits seit vielen Jahren oder auch erst in neuerer Zeit geschieht, welche Inhalte einer Überarbeitung und Neubewertung bedürfen, aber auch welche neuen Fragestellungen sich in einer sich wandelnden Gesellschaft und einer (Sie erinnern sich) von der Pandemie stark betroffenen Schülerschaft ergeben. Diese vier Qualitätskriterien zeitgemäßer christlicher Schule sind „Prävention“, „Kommunikation“, „Vorbereitung auf das Leben“ und „Demokratieerziehung“.

Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt wissen, wie sehr die Demokratieerziehung als Teil des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit rücken würde. Der Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine und die damit empfundene Bedrohung unseres westlichen Wertesystems, für das die Unverletzbarkeit von Staatsgrenzen und die Souveränität jeden Landes eine zwingende Voraussetzung sind, hatte im Februar 2022 die erste gravierende Erschütterung unseres Selbstverständnisses zur Folge. Mit dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober des vergangenen Jahres gerieten weitere angenommene Sicherheiten ins Wanken und gleichzeitig wurde unser Blick schmerzlich auf negative Entwicklungen in der Mitte unserer Gesellschaft gelenkt: Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass ein Teil unserer Mitbürger*innen Unsägliches sagen, Selbstverständlichkeiten im Verständnis der Völker-gemeinschaft in Frage stellen und die Staatsform, auf der unser Wohlstand und unsere Sicherheit beruht, nicht mehr als das anerkennen, was sie ist – der feste Boden, auf dem wir stehen.

Eine erste Welle der Entrüstung brachte Menschen auf die Straße, die vorher noch nie demonstriert hatten, einfach weil jede*r merkte, dass es Zeit ist, nicht nur eine eigene Position zu finden, sondern diese auch deutlich zu machen: Hier stehe ich für Demokratie und Vielfalt ( und kann nicht anders).

Oft genug wurde in den letzten Wochen gefragt, was von diesen Protesten heute noch bleibe. Auch wir in der Schulgemeinde der Edith-Stein-Schule haben uns bereits seit mehreren Monaten gefragt, wie wir der Bedeutung von Demokratie, Vielfalt, Toleranz und Mitmenschlichkeit, mehr Raum und mehr Akzentuierung als bisher geben könnten, und befinden uns damit mitten im Qualitätskriterium „Demokratieerziehung“. Diese ist zwar Aufgabe aller Schulen, hat jedoch im Kontext der christlichen Schule einen umfassenderen Stellenwert. Für Vielfalt und Demokratie einzustehen ist auch Ausdruck unseres Christseins.

Aus dem Impulsreferat 2022 ergaben sich verschiedene Arbeitsvorhaben, so auch die Entwicklung eines Gedenkstättenfahrtkonzepts. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich intensiv mit der Frage, ob eine solche Gedenkstättenfahrt mit einem ganzen Jahrgang möglich sein könnte. Die erforderliche Vorbereitung dieser Fahrt, die Begleitung in fachhistorischer und spiritueller Hinsicht sowie eine angemessene Nachbearbeitung der Eindrücke wurden ebenso berücksichtigt wie mögliche Ziele, entstehende Kosten und Fördermöglichkeiten. Das daraus resultierende Konzept soll im Herbst 2025 zum ersten Mal umgesetzt werden und wird den betreffenden Jahrgang an drei Gedenkstätten zu den Themen Nationalsozialismus und stalinistische Gewaltherrschaft führen.

Ein herausragendes Projekt war das so genannte Theresienstadt-Projekt, das von Herbst 2022 bis Sommer 2024 von einer Gruppe jetziger Abiturient*innen gemeinsam mit den Lehrkräften Herrn Prager, Frau Gatzka, Frau Anders und Herrn Holluba bearbeitet wurde. Es bestand eine enge Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdischen Zusammenarbeit und der Stadt Darmstadt. Das dreiteilige Projekt war eingerahmt von zwei Fahrten der Schülergruppe nach Theresienstadt, die erste erfolgte im Januar 2023, die zweite im Februar 2024.

Aus dem Projekt heraus entstanden ein Film mit dem Schwerpunkt der ersten Theresienstadt-Fahrt, eine Begleitbroschüre, die sich mit Einzelschicksalen der nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden aus Darmstadt und Südhessen auseinandersetzte, sowie dem eigentlichen Mahnmal. Dieses Mahnmal ist zweiteilig: eine Tafel wurde im Februar 2024 zum Gedenken an die Verschleppten und Ermordeten im Kolumbarium in der Gedenkstätte Theresienstadt aufgehängt, das Gegenstück dazu, eine 1,60 m hohe Granitstehle, soll in Darmstadt an die aus der Darmstädter Bürgerschaft herausgerissenen und deportierten Mitmenschen erinnern.

Der Abschluss dieses Projektes ist nun in greifbarer Nähe gerückt. So hat Herr Oberbürgermeister Benz, der sich außerordentlich für dieses Projekt engagiert hat, in Aussicht gestellt, dass die Enthüllung des Darmstädter Gedenksteins in der ersten Juliwoche stattfinden könnte, so dass unsere Abiturient*innen noch als Schüler*innen daran teilnehmen können.

Im Dezember 2023 feierte die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ihr 75-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fliegt unsere Friedenstaube wieder durch die Klassen. Einer Initiative von Frau Hahn ist es zu danken, dass die Friedenstaube, eine vom Künstler Richard Hillinger aus Landshut gestaltete lebensgroße Messing-Skulptur, jede Woche in einer anderen Klasse der Sekundarstufe I zu Gast ist. Die betreffende Klasse arbeitet jeweils zu einem Artikel der Menschenrechte und erstellt ein individuelles Lernprodukt, das in einem gemeinsamen Ordner gesammelt wird.

Auch der Schulbeirat hat sich in zwei Sitzungen intensiv mit den oben umrissenen Fragen auseinandergesetzt. Aus der sehr lebhaften und anregenden Diskussion entstanden letztendlich zwei zentrale Ideen, wie die Auseinandersetzung mit den Werten der Demokratie und der Bedeutung dieser Staatsform für unser freiheitliches Leben an sich erreicht werden könnte.

Zum einen wurde ein schulinterner Wettbewerb „Demokratie ist mir wichtig“ ausgelobt, in der Klassen oder Schülergruppen aufgerufen sind, in einem zweiminütigen Video darzustellen, warum Demokratie in ihrem Leben wichtig ist, wo sie eine Rolle spielt (vielleicht auch nicht). Wir sind sehr gespannt auf die Beiträge.

Die Bewertung der Beiträge erfolgt in drei Altersgruppen (5./6. Klasse, 7.-9. Klasse und 10.Klasse/Oberstufe). Der Alumni-Verein hat uns maßgeblich unterstützt, für die zukünftigen Preisträger attraktive Gewinne in Aussicht stellen zu können. Neben einem Besuch des Filmmuseums mit anschließendem Eis essen für die Jüngeren, stehen ein Besuch des Hessischen Landtags mit Führung durch ehemalige Schüler, die heute Abgeordnete Landtag sind, sowie ein Coaching in der Erstellung von Podcasts durch einen Journalisten (ebenfalls ehemaliger Schüler der Schule) für die Älteren auf der Liste.

Die Schülervertretung führt auch in diesem Jahr anlässlich der Europawahl am 9. Juni die sogenannte U16-Wahl durch. Diese läuft aktuell in dieser Woche in den Klassen 7-10. Beteiligen dürfen sich alle Schüler*innen, die noch nicht wahlberechtigt sind, d.h. zum Stichtag 9. Juni jünger als 16 Jahre sind. Denn zum ersten Mal in Deutschland dürfen bei dieser Europawahl auch die Sechzehn- und Siebzehnjährigen wählen. Die Schulsprecher*innen haben sich bereit erklärt, die große Anzahl an Stimmzettel anschließend auszählen und entsprechend an die Organisatoren der U 16-Wahl weiter zu melden. Auch hier warten wir gespannt auf die Ergebnisse, die von der SV sicherlich dann auch schulintern veröffentlicht werden.

Schließlich entschieden wir uns Im Schulbeirat am 18. April für die Teilnahme als Schulgemeinde am Aktionstag #IchStehAuf. Ursprünglich von der Robert-Bosch-Stiftung ins Leben gerufen, übernahm kurze Zeit später unser Bundespräsident, Herr Walter Steinmeier, die Schirmherrschaft über diesen Aktionstag. Mittlerweile hat sich auch die Bundeskoordination der UNESCO Projekt-Schulen (UPS) in Deutschland dieser Aktion angeschlossen.

Es ist uns ein besonderes Anliegen, dieses Zeichen für Demokratie so zu gestalten, dass jede*r Einzelne dieser Schulgemeinde wirklich die Freiheit hat, sich zu beteiligen oder eben auch nicht. Statt einfach nur kollektiv aufzustehen, haben wir uns überlegt, allen in der Schulgemeinde die Möglichkeit zu geben, aktiv und selbstbestimmt, sich an einen bestimmten, vorgegebenen Ort im Freien zu begeben. Das wird im A-Bau der vordere Teil des Pausenhofs (vor dem Fußballfeld) sein, auf dem großen Schulgelände der rote Sportplatz. Dort wollen wir von allen Teilnehmenden ein Foto machen und dieses bei #IchStehAuf einreichen.

Wichtig und wesentlich ist dabei auch, dass Sie im Vorfeld mit ihren Kindern besprechen, warum die Schule sich an dem Aktionstag beteiligt und was die Bedeutung des Aktionstages ist. Dies werden auch die Lehrkräfte tun oder haben es bereits getan. Sie als Eltern können mit Ihrem Kind besprechen, ob es sich beteiligen möchte.

Wir gehen davon aus, dass alle Kinder und Jugendlichen, die sich zum ausgemachten Zeitpunkt (A-Bau: 6. Juni, 9:20 Uhr; Neubau 6. Juni, 9:30 Uhr) an oben beschriebener Stelle einfinden, auch auf dem Foto der Menschenansammlung abgebildet sein dürfen. Beide Fotografien werden aus ausreichender Entfernung gemacht, darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass sich Kinder so hinstellen, dass ihr Gesicht nicht im einzelnen zu erkennen ist. Bitte sprechen Sie mit ihrem Kind auch darüber.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten im Hinblick auf Demokratieerziehung an unserer Schule geben.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Frieden und Stabilität – und ein schönes, sonniges verlängertes Wochenende!

Mit freundlichen Grüßen

Doris Krumpholz
(Schulleiterin)